Zwei Siege und ein Unentschieden: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist bei Heim-Turnieren in Auftaktspielen ungeschlagen. Die bisherigen Partien bei der WM 1974, der EM 1988 und der WM 2006 lieferten einige denkwürdige Szenen und Anekdoten. Ein Rückblick.

Lahm bejubelt sein Traumtor gegen Costa Rica (Foto: AFP/SID/VALERY HACHE)
Lahm bejubelt sein Traumtor gegen Costa Rica
Foto: AFP/SID/VALERY HACHE

14. Juni 1974, Deutschland - Chile 1:0 (1:0) in Berlin

Das Eröffnungsspiel ist dem Titelverteidiger vorbehalten, Brasilien trennt sich tags zuvor im verregneten Frankfurt 0:0 von Jugoslawien. Dem tristen Auftakt-Kick geht eine fast genauso lange, nicht weniger zähe Feier voraus. Und auch beim ersten Spiel der DFB-Auswahl wird es nicht besser.

Neun Monate nach dem Militär-Putsch in Chile hat die Begegnung eine starke politische Note, zwei Tage vor dem Spiel gibt es einen Sprengstoffanschlag auf das chilenische Generalkonsulat in West-Berlin, die Elf aus Südamerika trainiert hinter Stacheldraht, bewacht von 250 Polizisten. Im Stadion skandieren Aktivisten "Chile si, junta no", auf Spruchbändern steht "Tod den Faschisten". Kurz vor der Pause gelangen einige Protestler auf den Rasen, der Stadionsprecher mahnt das Publikum: "Lassen Sie sich nicht von jenen provozieren, die nicht wegen des Fußballspiels ins Stadion gekommen sind!"

Die "wahren" Fans pfeifen Wolfgang Overath aus, den Bundestrainer Helmut Schön dem beliebten Günter Netzer vorgezogen hatte. Die Führung durch einen Sonntagsschuss von Paul Breitner (18.) hellt die Stimmung nur kurz auf. Die DFB-Elf hat Probleme mit den hohen Temperaturen und dem beinharten Gegner, Carlos Caszely sieht nach einem Foul an Berti Vogts die erste Rote Karte der WM-Historie. "Auch wir haben uns das Spiel anders vorgestellt", stöhnt Schön.

10. Juni 1988, Deutschland - Italien 1:1 (0:0) in Düsseldorf

Diesmal darf der Gastgeber eröffnen, allerdings erst nach einer 55-minütigen Feier. Die Dinkelsbühler Knabenkapelle heizt dem Rheinstadion ein, sogar Bundeskanzler Helmut Kohl macht bei "La Ola" mit - "wenn auch nur ein Mal", wie TV-Kommentator Dieter Kürten in seinem EM-Buch festhält.

Die Show ist ein Kinderspiel, 1500 Kids kicken auf dem Rasen und singen das rührende "Wir freu'n uns auf ein Fußballfest". Die Sorge vor Krawallen erfüllt sich nicht. 81 Betrunkene werden vor dem Stadion abgewiesen, vier Taschenmesser, eine Gaspistole und ein Tischtennisschläger sichergestellt.

Durchlässiger zeigt sich die deutsche Defensive, Teamchef Franz Beckenbauer schimpft über "tödliche Leichtsinnsfehler". Einen von Libero Matthias Herget nutzt Roberto Mancini zum 0:1 (53.). Dann hilft Schiedsrichter Keith Hackett (England).

Weil Torwart Walter Zenga mit dem Ball in der Hand einen Schritt zu viel macht, pfeift er indirekten Freistoß - regelkonform, aber unüblich. Andreas Brehme nutzt eine Lücke in der Mauer zum Ausgleich (56.), Herget jauchzt: "Ich hätte den Andy am liebsten geküsst!"

9. Juni 2006, Deutschland - Costa Rica 4:2 (2:1) in München

Bei der zweiten Heim-WM darf Deutschland selbst eröffnen. Show-Master Thomas Gottschalk moderiert, 1400 Tänzer, Statisten und Musiker bieten ein halbstündiges Spektakel samt bayerischem Schuhplattler. Brasiliens Legende Pele und Topmodel Claudia Schiffer bringen den Pokal, doch in die Vorfreude der Fans mischt sich Skepsis.

Der Grund: Die "Wade der Nation" (Bild) von Michael Ballack "ist noch nicht da, wo sie hin muss", wie Bundestrainer Jürgen Klinsmann sagt. Er ersetzt den Kapitän gegen dessen Willen durch Tim Borowski. Der Bremer spielt solide, im Blickpunkt stehen andere.

Linksverteidiger Philipp Lahm etwa, dem seine Mutter Daniela geraten hat: "Schieß doch einfach mal aufs Tor!" Das tut er und gibt mit seinem Traumtor nach fünf Minuten und zehn Sekunden den Startschuss für das Sommermärchen. "Es war das Tor meines Lebens", sagt Lahm.

Der spätere WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose trifft an seinem 28. Geburtstag doppelt (17., 61.), Torsten Frings setzt mit einem weiteren Traumtor den Schlusspunkt (87.).

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