Gernot Zirngast nach Wettskandal: "Nachlässig und realitätsfern!" - VdF-Chef fordert Umdenken

Gernot ZirngastDer aktuelle Wettskandal im österreichischen Fußball hält die Nation weiter in Atem. Knapp zwei Monate ist es her, als Dominique Taboga (damals SV Grödig) mit seinem Geständnis gewaltigen Staub aufwirbelte. Ein Ende der Causa ist lange nicht in Sicht - und doch sieht Gernot Zirngast (49), Vorsitzender der Spielergewerkschaft Vereinigung der Fußballer (VdF), auch einen positiven Effekt: Er hofft auf ein längst fälliges Umdenken bei Verbänden und Bundesliga und spart nicht mit scharfer Kritik. 

Der Schock sitzt tief bei Gernot Zirngast seit dem Aufkommen des aktuellen Wettskandals. Nicht zuletzt, weil Dominique Taboga bis dahin Mitglied des Spielerpräsidiums seiner Gewerkschaft war. Dennoch lassen die jüngsten Vorfälle den VdF-Chef hoffen. Seit Jahren ist dem 49-Jährigen die Prävention von Wettbetrug im Fußball ein wichtiges Anliegen. Trotz aller Bemühungen konnte er seine Vorschläge bislang nicht wie gewünscht durchsetzen. Nun sagt er: "Das einzig Positive ist, dass Taboga das Ganze mehr oder minder geoutet hat. Bis dahin war wenig Konkretes da, jetzt haben wir endlich etwas Handfestes und wir sehen, was wirklich dahintersteckt und was da gelaufen ist."

"Keine Nachhaltigkeit, keine Zusammenarbeit"

Die Kritik des Steirers richtet sich in erster Linie an die Fußballverbände und die Bundesliga. "Das Ärgerliche ist, dass man nicht an einem Strang zieht. Viele Dinge werden über die Köpfe der Spieler entschieden, es wird nicht nachhaltig und nicht zusammengearbeitet. Und wenn man mit den Herrschaften redet, heißt es: 'Wir lassen uns nicht sagen, was wir tun müssen'." Insbesondere die fehlende Bereitschaft zu einer Zusammenarbeit mit der Spielergewerkschaft stößt Zirngast sauer auf. Etwa im Zuge der im vergangenen Sommer eingeführten Meldepflicht, nach der ein Spieler, dem ein Wettbetrug angeboten wird, dies umgehend kundzutun hat. Da sei die Gewerkschaft nicht einmal informiert worden, das hätten sogar viele Teamspieler gar nicht gewusst, ärgert sich Gernot Zirngast. "Das ist sehr nachlässig. Und wenn dann ein Thomas Zündel (damals SV Grödig, von Taboga bezüglich einer möglichen Spielmanipulation angesprochen, Anm.) angeklagt wird, weil er die Vorfälle hätte melden müssen, dann ist das realitätsfern. Wenn ein junger Spieler den eigenen Kapitän (Taboga, Anm.) beschuldigt, er hätte so etwas zu ihm gesagt, dann wünsche ich ihm viel Spaß."

"Das sind Alibiaktionen!"

Doch die Meldepflicht ist nicht der einzige Kritikpunkt des VdF-Vorsitzenden. Zwar gebe es durchaus Maßnahmen, die gut gemeint seien, aber nicht weiterhelfen würden. Konkret spricht Zirngast einige von der Bundesliga durchgeführte Unterschriftenaktionen gegen Wettbetrug durch die jeweiligen Klubkapitäne an. "Das sind Alibiaktionen. Die Spieler haben einen Tag davor nicht Bescheid gewusst, die Mannschaften wussten gar nichts davon. Das ist typisch österreichisch: Nach außen hin tun wir etwas, aber nachhaltig passiert nichts."

Unterstützt werden die Aussagen Zirngasts durch eine Studie vom Frühling des vergangenen Jahres, durchgeführt von Ernst & Young. Da belegt Österreich in puncto Standortattraktivität (Ausbildung, Betreuung, Vorsorge, etc.) für Fußball im Vergleich mit 30 europäischen Ländern den wenig erfreulichen 28. Platz. Zirngast: "Das sagt schon alles." 

Betreuung und zwingende Ausbildung

Bei aller Kritik wird der Steirer aber nicht müde, konkrete Lösungsvorschläge zur Prävention auf den Tisch zu legen. Das Hauptaugenmerk des 49-Jährigen liegt dabei auf einer laufenden Betreuung der Fußballer - nicht nur beim Einstieg ins Profigeschäft, sondern auch während der gesamten Karriere sowie in der ersten Zeit danach. "Betreuung ist das Um und Auf. Man muss die Spieler begleiten und präventiv ansetzen. Da müssen Verbände und Vereine weit mehr Verantwortung übernehmen. Denn was jetzt passiert ist, schadet dem Fußball viel mehr, als wenn man vorher ein paar 10.000 Euro in die Hand genommen hätte, um präventiv zu arbeiten", erläutert der VdF-Chef seinen Standpunkt. 

Ebenfalls ein wichtiger Aspekt ist seiner Ansicht nach eine abgeschlossene Ausbildung in jungen Jahren. Hier fordert er sogar die Vereine auf, den Spielern zwingend eine solche vorzuschreiben. International sei das vorgegeben, nur in Österreich schere sich niemand darum, sagt Zirngast. Man müsse den Spielern eine Perspektive geben, sollten sie es als Profi nicht schaffen. Immer noch gebe es genügend Schulabbrecher, die keinen Plan B hätten. 

Zwei Profiligen eine zu viel?

Im Zuge dessen stellt der VdF-Vorsitzende auch das System mit zwei Profiligen in Frage. "Was momentan in der zweiten Liga abläuft ist nicht das, was man unter Profifußball verstehen kann. Da muss man überlegen, ob man diese Liga als Profiliga führen kann. Es gibt keinen Sponsor, die Vereine sind dürftig aufgestellt. An den vielen Konkursen sieht man, dass das wirtschaftlich nicht leistbar ist", bemängelt Zirngast. Dabei gehe es insbesondere um die niedrigen Durchschnittsgehälter, auch von arrivierten Spielern. "Ein Christian Thonhofer (Ex-Bundesliga-Profi, Anm.) hat etwa 2000 Euro brutto angeboten bekommen. Wie soll er davon mit 27, 28 Jahren leben?" Die Folge dieses Systems: Die Spieler würden den ganzen Tag herumhängen, sich in Wettcafés aufhalten – und seien ideale Ansprechpartner für solche Leute, die sich dort bewegen würden. Um das zu verhindern, verspricht Gernot Zirngast: "Wenn man schon nicht mit uns zusammenarbeiten will, wollen wir zumindest im Rahmen unserer Möglichkeiten einen Beitrag leisten, damit das nicht mehr vorkommt. Das wäre im Interesse des gesamten Fußballs."

Christoph Gaigg

 

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