Attergau: Vorzeigeprojekt in Sachen Integration

Auf der einen Seite ist es ein Wettkampf um Tore und drei Punkte, andererseits hat Fußball aber eine wesentliche gesellschaftspolitische und soziale Bedeutung. Der USC Attergau kommt dieser Rolle und Verantwortung schon lange intensiv nach, der Klub aus der 2. Klasse Süd kann mit einem seit Jahren etablierten Integrationsprojekt  nämlich große Erfolge verbuchen. Unterhaus.at traf bei einer Reportage vor Ort Ekrem Zeka, der dank des Fußballs als Flüchtling mit seiner Familie in Österreich Fuß gefasst hat.

Die Angst vor der roten Karte
Zwischen dem abgebrannten Domizil in Nekovc und dem Traum vom Hausbau in St. Georgen liegen zwölf Jahre – und ein Sieg der Integration auf dem Fußballfeld. Auf einem anderen Schauplatz steht für Ekrem Zeka und seine Familie aber viel mehr auf dem Spiel.
Meistens gab es nur gekochten Mais zu essen. Als Bleibe musste die schlechte Improvisation einer Baracke herhalten, ein Unterschlupf aus zusammengetragenem Holz, adaptiert mit einer Plastikplane. Bombardements sprengten erbarmungslos die Stille. Immer wieder. „Dabei hatten wir noch Glück“, erzählt Ekrem Zeka, „die Bomben sind zwar wenige Meter neben uns eingeschlagen, aber wir haben diese Zeit unverletzt überstanden.“ Am 2. April 1999 war Ekrem aus seinem Haus in Nekovc geflüchtet, hatte gemeinsam mit seiner Frau Lumnije und seinem dreijährigen Sohn Faton in einem Wald Zuflucht gesucht. Dreieinhalb Monate lang vegetierten sie im Dickicht, das etwas Schutz gab, während der Kosovokrieg gerade seinen traurigen Höhepunkt erreichte. Als Familie Zeka wieder den Mut zur Rückkehr ins Dorf gefasst hatte, war ihr Haus bereits bis auf die Grundmauern abgebrannt.

Familienglück mit drei Kindern
Über zwölf Jahre später, an einem heißen Juli-Tag in St. Georgen im Attergau: Neben Ekrem, Lumnije und Faton nehmen auch Florenta und Florian, die zwei jüngsten Mitglieder der Familie, Platz. Wer das Quintett betrachtet, sieht auf den ersten Blick eine rundum glückliche Familie. Ekrem und seine Frau haben beide einen Arbeitsplatz, Faton hat soeben seine Schulausbildung abgeschlossen und wird ab Herbst eine Lehre machen. Sie wohnen in einer 82 Quadratmeter großen Wohnung und fühlen sich in Oberösterreich nicht mehr als Gäste, sondern als Oberösterreicher. „Es war damals die beste Entscheidung hierher zu kommen. Wir sind hier bestens aufgenommen worden und haben wieder durchstarten können“, erklärt Ekrem und zupft kurz an seinem adidas-Shirt. Seine Frau mag´s eine Spur eleganter – mit einem schwarzen Top und der Sonnenbrille in den dunkelblonden Haaren. Das Wichtigste aber: Beide lächeln.

Tod war allgegenwärtig
Das war nicht immer so. Als sich die Lage in ihrer Heimat Kosovo immer mehr zuspitzte, waren sie 22 Jahre alt und seit drei Jahren verheiratet. „Die Probleme haben schon lange vor Ausbruch des Krieges begonnen. Es gab Korruption und wir wurden von der serbischen Polizei schikaniert und oft auch grundlos geschlagen“, erzählt Ekrem. An normalen Alltag war nicht mehr zu denken. Die Fabriken und Universitäten hatten geschlossen, abends auf der Straße war man seines Lebens nicht mehr sicher. Dann brach der Krieg aus. Und die Angst wurde zum ständigen Begleiter. „Wir fürchteten um unser Leben. Die Flucht in den Wald war unser einziger Ausweg, obwohl dort der Tod ebenso allgegenwärtig war. Viele Frauen neben uns starben etwa bei Geburten aufgrund des hohen Blutverlusts“, erinnert sich Lumnije. Am 15. Juni 1999, als die Luftangriffe der NATO und die Gefechte zwischen Streitkräften und Rebellen beendet waren, kehrten die Zekas nach Nekovc zurück. Mitten ins Epizentrum des Leids. Drei Jahre lang lebten sie bei Familien, deren Häuser nicht in Schutt und Asche lagen. Die Versorgung war katastrophal, die Perspektive schlimm. Dazu kam Trauer: Aufgrund mangelnder ärztlicher Hilfe und fehlender Medikamente starb Tochter Ardita im Alter von sieben Monaten.

Neustart in Thalham
Wenige Monate später flüchteten Ekrem, Lumnije und Faton nach Österreich. „An ein Weiterleben im Kosovo unter diesen Umständen war nicht mehr zu denken. Ich konnte nicht einmal mehr schlafen“, beschreibt jene Frau diese schweren Monate, die heute 36 Jahre alt – und aufgrund der traumatisierenden Ereignisse noch immer in psychiatrischer Behandlung ist. Mit einer kleinen Tasche mit den wichtigsten Habseligkeiten kam das Trio am 23. Juli 2002 in einem Flüchtlingsnotquartier in Neumarkt am Wallersee an, wo ein Asylantrag gestellt wurde. Letztendlich landeten die Zekas in der Betreuungsstelle in Thalham. Das Ende der Flucht, der Anfang eines neuen Lebens: Mit dem Fahrrad klapperte Ekrem täglich die Umgebung nach Stellenangeboten ab, fand schließlich eine Arbeit im Sägewerk. Seine Frau nahm nach einem Deutschkurs einen Job als Zimmermädchen an. Kurz darauf zog man in die Wohnung in St. Georgen ein. „Wir wollten uns gleich auf eigene Füße stellen und unter die Einheimischen mischen, weil wir überzeugt waren, dass das für unsere Integration sicher förderlich ist. Wir haben gewusst, dass jeder weitere Tag gut für uns ist, weil man immer wieder ein Wort dazu lernt. Und an jedem weiteren Tag, an dem wir arbeiteten, kam etwas Geld dazu, das wir gespart haben“, verrät Lumnije. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

USC Attergau als Anlaufstelle
Zur guten Integration wesentlich beigetragen hat das runde Leder. Im Kosovo hatte Ekrem in der höchsten Liga des Landes gekickt, in Österreich heuerte er bei einem Klub in der 1. Klasse an. Was kein Zufall war, da der USC Attergau für viele Flüchtlinge aus Thalham eine erste Anlaufstelle ist. „Jeder, der will, kann bei uns mitspielen. Die anfängliche Sprachbarriere ist kein großes Problem. Fußball braucht nicht viele Worte, hat aber eine große Wirkung. Wir wollen den Flüchtlingen Abwechslung vom Lageralltag bieten, Ghettobildung vermeiden, ihnen die deutsche Sprache näherbringen und eine Annäherung an die westliche Gesellschaft ermöglichen“, erklärt Franz Breitenthaler, der ehrenamtlich Sektionsleiter beim USC und hauptberuflich Referatsleiter in der Erstaufnahmestelle Thalham ist. Er nimmt sich seit Jahren um jenes Integrationsprojekt an, das vom Oberösterreichischen Fußballverband mit einem Preis für innovative Projekte ausgezeichnet worden ist. Im Vordergrund stehen ein gemeinsames Ziel, kultureller Austausch, sportliche Fitness und gegenseitige Wertschätzung. Dafür ist großer Einsatz gefragt: Die Trainer sind, mitunter aufgrund der Sprachprobleme, speziell gefordert. Zudem muss für die Flüchtlinge eine passende Ausrüstung aufgetrieben werden.

Integration dank Fußball
Ein Teil davon wird mit Spenden der Spieler und Funktionäre finanziert, den Rest bezahlt der Klub. Irritationen unter den Fußballern aufgrund verschiedener Herkunftsländer, Kulturen, Religionen oder Hautfarben hat es bisher nie gegeben. Dafür wurden gemeinsam Erfolge gefeiert und Niederlagen verarbeitet. „Der USC Attergau möchte mit diesem Projekt eine klare Botschaft senden: Kein Platz für Rassismus und Diskriminierung, stattdessen auch bei Fans Bewusstsein für Fair Play schaffen und gegen Vorurteile ankämpfen. Gerade der Fußball eignet sich ideal für Integration, da der Sportplatz nicht nur Stätte des Sports, sondern auch Stätte des Dialogs ist“, so Breitenthaler. Bei Ekrem Zeka hat es jedenfalls funktioniert. „Ich bin dem USC unglaublich dankbar. Dort sind so nette Leute, die mich toll aufgenommen und meinen Start in Österreich erleichtert haben“, erwähnt der 37-Jährige, „bei meiner Ankunft in St. Georgen sind alle noch ein bisschen auf Distanz gegangen. Nach einem Jahr wollte mich jeder auf einen Kaffee einladen.“ In den Worten von Ekrem schwingt ein bisschen Stolz mit. Und wieder, ein Lächeln.

Engagement in der Gemeinde
Der Mann mit dem smarten Kurzhaarschnitt lässt keine Gelegenheit aus zu erwähnen, wie gut er sich mit seiner Familie in der Ortsgemeinschaft von St. Georgen eingelebt hat. Dafür ist er dankbar – und zeigt dies auch. Zur Zeit der Wirtschaftskrise bot er seinem Chef an, der Firma mit unbezahlten Überstunden zu helfen. Obwohl er Moslem ist, unterstützt er jedes Jahr den USC Attergau bei der Organisation und dem Aufbau für den Weihnachtsmarkt. Bei der Gemeinde deponierte er, jederzeit im Fall von Notsituationen wie etwa Hochwasser oder zum Schneeschaufeln unentgeltlich zur Verfügung zu stehen. „Österreich hat mir so viel geholfen, jetzt möchte ich etwas zurückgeben“, sagt der Fußballliebhaber, dessen Söhne im USC-Nachwuchs in die Fußstapfen des Papas treten. „Früher haben meine Alterskollegen über mich gedacht, der kann eh nichts. Aber ich bin beim Kicken ziemlich gut, damit habe ich punkten können und so auch viele Freunde gewonnen“, brilliert Faton im Dialekt eines Ur-Oberösterreichers. Während seine Eltern den Traum haben, bald einmal in ein Haus umzuziehen. „Die Zekas sind in puncto Integration eine Vorzeigefamilie“, hält Franz Breitenthaler fest.

Asylgerichtshof am Zug
Der heiße Juli-Tag in St. Georgen ist um zwei Stunden vorangeschritten. Wer das Quintett betrachtet, sieht auf den ersten Blick eine rundum glückliche Familie. Über den Gesichtsausdruck ungetrübter Lebensfreude legen sich jedoch Sorgenfalten. Denn obwohl Ekrem Zeka derzeit wegen einer schweren Knieverletzung auf sein mit großer Leidenschaft praktiziertes Hobby verzichten muss, hat er Angst vor einer roten Karte. Einer mit schwerwiegenden Folgen. Die nicht in den Händen eines Fußball-Disziplinarausschusses liegen, sondern vielmehr in jenen des Asylgerichtshofes. Dort wird nämlich über den Asylantrag entschieden, der seit der Ankunft der Kosovo-Albaner in Österreich auf die judikative Ersatzbank geschoben wurde. Und dennoch, trotz der neunjährigen, zermürbenden Wartezeit: Die Zekas lächeln. Und sie hoffen.


Raphael Oberndorfinger

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